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Verdrängung des Nationalsozialismus in Wissen- und Gesellschaft

4. Mai 2017 @ 18:30 - 20:00

„Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und die Verdrängung des Nationalsozialismus in Wissenschaft und Gesellschaft“ (Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt)

Die Identität der BRD, W. Mommsen und J. Habermas zufolge, nach 1945 / 49 durch eine Konstellation von ideologischen Einstellungen gebildet: Ver­drängung der nationalsozialistischen Vergangenheit, gesellschaftlicher Indi­vidualismus, Stolz auf einen durch masochistische Arbeit erreichten Wirt­schaftserfolg, Anti-Kommunismus, Nachahmung US-amerikanischer Vorbil­der.

Die Verdrängung von Auschwitz ist grundlegend. Sie erfolgt durch die Ein­ordnung des Nationalsozialismus in die Geschichte nicht des Kapitalismus, sondern des Sozialismus, so daß die Verdrängung als Anti-Kommunismus auftritt. Die Verdrängung erfolgt durch die Betonung des Einzelnen im Gegensatz zur faschistischen Masse. Die Verdrängung erfolgt durch Arbeit: die Praxis des Masochismus. Die Verdrängung erfolgt durch Anpassung an die Siegermacht: USA.
Die Verdrängungen sind noch durch den Nationalsozialismus gesetzt. Die Aufklärungen der Barbarei durch die Kritische Theorie der Gesellschaft ha­ben dargelegt, daß Nationalsozialismus und Antisemitismus das Resultat ei­ner „Zerstörung der Vernunft“ sind: einer irrationalen, erinnerungslosen, hoffnungslosen Gesellschaft. Schon die Reaktion auf die Große Depression von 1929/33 war nicht die „Revolution von links“, sondern die „Revolution von rechts“ (Freyer). Die Täter vollbrachten bereits erinnerungslos eine Tat, die sie post festum nicht zu erinnern vermochten.
In der Verdrängung kehrt das Verdrängte wieder: nicht als Wiederholung, aber in jeweils neuen Formen. So mußte in der Geschichte der BRD die Verdrängung immer erneut, in immer neuer Form, geleistet werden – weil das Verdrängte immer neu aufschien.
Erinnerung ist nicht eine Information über Vergangenes, die die Gegenwart unberührt läßt. Das Bewußtwerden bewußtloser Verhältnisse kann einzig er­folgen durch die Verwirklichung einer Gesellschaft, in der die Menschen sich ihrer selbst und ihrer Verhältnisse bewußt sind. Die Erinnerung von Au­schwitz ist somit eine theoretische und praktische Utopie.

Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für So­ziologie der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Hamburg.

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Datum:
4. Mai 2017
Zeit:
18:30 - 20:00
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